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Von Hühnchen und verbrannten Tatzen

Der Morgen am Top of the World begann ähnlich gefärbt, wie der Abend zuvor aufgehört hatte, nur seitenverkehrt. Nach raschem Aufwärmen mit heissem Kaffee ging es weiter. Da wir bei Skagway schon mal die Grenze vom kanadischen Yukon nach Alaska/USA überschritten hatten, waren wir noch im Besitz der grünen Einreisekarte, ausserdem war der Sheriff gut gelaunt, was den Übertritt problemlos gestaltete.

Der Top of the World Highway geht kurz nach der Grenze in den alaskanischen Taylor Highway über. Dieser führt durch eine rauhe Landschaft, die sich auch auf der Strasse bemerkbar machte. Schlaglöcher und Bodenwellen wechselten im Sekundentakt und forderten meine volle Konzentration – mehr als 60 kmh konnte ich uns und dem Auto kaum zumuten. Obwohl die Strasse nur eine kurvenreiche Schotterpiste und zeitweise erschreckenderweise kaum breiter als eine Fahrspur ist, hat man schier unglaubliche Ausblicke auf Berge und Täler.
Auf der 303 km langen Strecke zwischen Dawson City und der nächsten grösseren Siedlung, Tok in Alaska, gibt es nur eine Möglichkeit zu tanken und etwas einzukaufen: Chicken heisst dieses urige Nest – eine Ansammlung von Häusern und Menschen, die sich, weit ab von der Zivilisation in die Wildnis verirrt haben. Ursprünglich hiess Chicken Ptarmigan (Schneehuhn), aufgrund der Rechtschreibschwäche der dort siedelnden Minenarbeiter kam es zu dem heutigen, kuriosen Namen. Obwohl dort nur ca 40 Menschen leben, besitzt der Ort eine Post, eine eigene Postleitzahl (99732 Chicken Alaska), 3 Häuser, Shop, Cafeteria, Saloon, Tankstelle und eine Flugpiste.
Nach kurzem Tankstopp ging es weiter, 19 km vor Tok mündet der Taylor Highway in den Alaska Highway. In Tok – was in der Sprache der Indianer soviel wie „friedliche Kreuzung“ bedeutet – angekommen, beschlossen wir spontan, dort auch die Nacht in einem Bett zu verbringen. Das Burnt Paw, ein Motel mit hübschen Blockhütten und einer Huskyzucht, hatte es mir angetan.

Diese Bleibe entpuppte sich als ebenso bezaubernd wie ihre Besitzer, Bill und Nancy. Vor 12 Jahren, als die beiden beschlossen, ein Cabin für Gäste zu bauen, betrieben sie einen kleinen Souvenirshop. Im Laufe der Jahre kamen immer mehr Cabins dazu, inzwischen sind es sieben.
Die vierte Hütte endete für Nancy und Bill in einer Krise – der Platz, auf dem Bill sie bauen wollte, war besetzt von Nancy’s Lieblingsbaum, den sie auf keinen Fall opfern wollte. Bill’s Kreativität rettete den Hausfrieden – er zimmerte das Blockhaus kurzerhand um den Baum herum.

Von ihren vier Huskywelpen verkauften sie am Tag unserer Ankunft einen hübschen mit verschiedenfarbigen Augen an Deutsche und Nancy verriet mir, sie wolle ihn im nächsten Jahr in Deutschland besuchen und dabei auch einen Abstecher nach Konstanz machen.
We’ll see.

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