Glücklich, alles erlebt zu haben
Das Ende eines Trekkings fühlt sich ähnlich an, wie das Zuklappen eines Buches. Man kennt das Ende, ist beglückt von einer spannenden Geschichte und deren Ausgang, aber auch etwas traurig darüber, das geliebte Buch zu den anderen gelesenen Büchern zu räumen. Was kommt als Nächstes? Wird die nächste Geschichte ebenso spannend oder eher langweilig und zäh? Saugt einem die nächste Geschichte ins Glück oder lässt sie einem ratlos und verstört auf die nächsten Seiten starren?
Die Busfahrt von Dunche zurück nach Kathmandu dauerte gefühlt viel zu lang. Zu viele Kurven, zu viele Schlaglöcher und zu viele Menschen im Bus. Aber auch Bewunderung für die Mitreisenden, deren Gelassenheit, Resilienz und Humor.
Der Bub auf dem Gangplatz gegenüber beugte sich etwas vor und kotzte auf den Boden. Die Leute schauten und gingen unaufgeregt etwas zur Seite, sofern es ging und die Seite nachgab. Sonst nichts. Der Busbegleiter drängelte sich durch und drückte dem Jungen eine Tüte in die Hand, der sich gerade mit dem Ärmel über den Mund wischte. Beim nächsten Stopp warf der Busbegleiter einfach eine Matte über das Erbrochene.
Nach meiner Ankunft im Hotel ruhte ich mich erst etwas aus, um anschließend mit der Kamera noch ein paar Eindrücke einzufangen.
Schon auf dem Weg nach Boudha fiel mir auf, dass mehr Menschen als gewöhnlich unterwegs waren, viele davon ausgesprochen hübsch gekleidet.
Vor der Stupa posierten geschmückte junge Frauen und Männer für Fotos und liessen sich gerne ablichten. Ich frage einen jungen Mann, was für ein Anlass gefeiert wird, es ist Sonam Lhosar, ohne dass ich es wusste.
Sonam Losar ist das Neujahrsfest der ethnischen Gruppe der Tamang.
Am nächsten Tag gehe ich erst mal auf Rupienjagd. Zu meiner Verwunderung haben alle Banken geschlossen. Ein Einheimischer klärt mich auf: es ist Sonam Lhosar, ein Feiertag! Ich lasse mich eine Weile durch die Feiernden treiben, bis Tiljung zum Dalbhat ruft. Mit dem Scooter fahren wir durch die staubigen Straßen bis zu seinem neuen Heim in der Nähe von Kopan, ca. 1/2 Stunde von meiner Unterkunft entfernt.
Er zog raus aus der Stadt in etwas höhere Lagen, um der dicken Luft unten im Kessel zu entkommen. Purna erwartete uns schon in einem wohnlichen Wellblech-Improvisorium, die Wiedersehensfreude war groß und der köstliche Essensduft weckte sofort meinen Appetit. Wir assen Dalbhat, lachten, chillten durch den Nachmittag und machten vor der Rückfahrt noch einen Spaziergang durch den nahen Wald.
Am nächsten Morgen ging ich erneut auf Rupienjagd. Da ich den Geldautomaten in Kathmandu nur bedingt vertraue, suchte ich eine Bank auf. Doch als Ausländerin ohne nepalesisches Konto bekomme ich kein Geld ausbezahlt, lernte ich. Dann doch zum Geldautomat. Ich hatte Glück, Geld kam und die Karte wurde auch wieder ausgespuckt. Für heute hatte ich nochmal Pashupatinath geplant, und zwar abends zu Aarati, eines der faszinierendsten Rituale im Pashupatinath-Tempel. Pashupati Bagmati Aarati beginnt jeden Abend um 18 Uhr, drei Priester führen die Aarati aus, indem sie Öllampen nehmen, sie kreisend bewegen, heilige Mantren rezitieren und ihr Tun dem Göttlichen widmen. Bhajan (Lieder mit religiösem Thema) werden von Gläubigen während der Aarati gesungen und schaffen eine faszinierende, freudvolle Stimmung.
Auf die Aarati Zeremonie freue ich mich jedes mal sehr, inmitten der vielen Menschen die spirituelle Kraft zu spüren, sich mit allem verbunden zu fühlen, nirgendwo habe ich bisher eine so tiefe Freude, Zufriedenheit und Leichtigkeit verspürt, als bei dieser abendlichen, gemeinsamen Feier.
Alles darf hier sein, Hindus, Buddhisten, Christen, Touristen, Affen, Hunde und auch die Toten gehören dazu, die währenddessen gewaschen und anschließend verbrannt werden.
Auf dem Weg durch die Dunkelheit zurück ins Hotel sang ich vor mich hin und fühlte mich leicht wie ein Vogel.
Den vorvorletzten Tag meiner Reise widmeten wir dem Swayambhunath Tempel, auch Affentempel genannt, am anderen Ende der Stadt.
Während der langen Scooter-Fahrt befällt mich der starke Wunsch, abzusteigen und mich aus dem Verkehrs-Wahnsinn in die Berge zu beamen. Leider bleibt es beim Tagtraum.
Der Affentempel ist gut frequentiert und alle sind bemüht um das beste Bild. Es macht mir nicht viel aus, das Gelände bald wieder zu verlassen, um mich abends noch mit Saili treffen zu können.
Der Schatten des nahen Abschieds lag über dem vorletzten Tag, als sich Lata überraschend bei mir meldete. Wir verabredeten uns spontan zum Mittagessen im Hotelgarten. Ich freute mich sehr, sie nach langer Zeit wieder zu sehen. Der Rollstuhl, auf den sie inzwischen angewiesen ist, schien sie nicht sehr zu beeinträchtigen.
Nachdem Lata mit ihrem Mädchen fort waren, fuhr ich mit Tiljung zum Shoppen nach Thamel. Für eine favorisierte Dzi-Stein-Kette brauchte ich mehrere Verhandlungsanläufe, letztendlich sprang sie mir ebenso wie der dickbäuchige Ganesha in den Rucksack. Mit einem erfreulich kommunikativen Thangkakauf und leckerer Pizza mit Bier endete die Shoppingsession erfolgreich. Im Hotelzimmer wartete der Koffer…
Purna und Tiljung drehten mit mir früh morgens vor der Fahrt zum Flughafen noch eine Runde um Bhouda.
Ich hatte Tränen in den Augen beim Abschied, bei keiner meiner 7 vorigen Nepalreisen fühlte ich mich so sehr in dieser Kultur zuhause wie dieses mal.


















































